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Salomo Friedländer: Kant für Kinder (1924)

Zu Beginn der zwanziger Jahre schreibt der philosophisch orientierte Salomo Friedländer, auch bekannt unter dem Pseudonym Mynona (Umkehrung von ‚Anonym’), das Buch Kant für Kinder.

Ziel des Textes

Dieses Buch soll, laut seines Vorworts, ein Lehrbuch darstellen, welches es ermöglicht die Gedanken und Theorien des Immanuel Kant in einer einfachen Weise an die Jugend zu vermitteln. Die Jugendlichen sollen zur Sittlichkeit erzogen werden, indem sie als vernünftig denkende Individuen agieren, denn nur so kann der ewige Frieden herbeigeführt werden.

Inhalt und Aufbau des Buches

Die Grundlage des Lehrbuches bilden dabei zum einen die Theorie von Kant selbst, zum anderen die vielfältigen Arbeiten von Ernst Marcus zu Kant.
Formal gliedert es sich in drei Teile, die sich den Grundfragen der Kantschen Philosophie zuordnen lassen. So geht Friedlaender im ersten Teil, welcher unter der Titelfrage „Was sollen wir tun?“ zusammengefasst ist, zunächst auf die Notwendigkeit und die Funktionsweisen von sittlichem Verhalten ein. Eine besondere Stellung erhält dabei die Frage nach den Grundsätzen der geschlechtlichen Sittlichkeit, welche in einem extra Anhang an diesem Teil des Buches besprochen wird.
Im zweiten Teil „Was dürfen wir hoffen?“ wird dann näher auf den Glauben eingegangen.
Der letzte Teil des Buches, der sich mit der Frage „Was können wir wissen?“ beschäftigt, behandelt schließlich die Erkenntnistheorie Kants.
Alle drei Teile sind in Form einer Frage-Antwort-Darstellung geschrieben. Diese vermittelt dem Leser das Gefühl, dass es das einzig Logische ist, so wie von Kants Philosophie gefordert, zu leben. Denn nur die vorgegebenen Antworten scheinen einen Sinn auf die gestellten Fragen zu ergeben.

Anvisierte Leserschaft

Dennoch stellt sich die Frage, an welche Art von Leser dieses Buch gerichtet ist. Denn wenn auch „das Buch ganz ohne philosophische Terminologie“ auskommt, wie es Detlef Thiel in seinem Nachwort beschreibt (S. 105), so ist es dennoch in teilweise sehr komplexem Satzbau verfasst, was gerade für Kinder sicher nicht immer leicht verständlich ist. Im Vorwort dieses Fragelehrbuches zum sittlichen Unterricht, wie ja der Untertitel  schon näher klassifiziert, gibt der Autor selbst Auskunft zu diesem Problem. So schreibt er:
„Bei den jüngeren Kindern soll der Lehrer die Vermittelung, besonders durch sinnreiche Beispiele, übernehmen. Die reifere Jugend soll und kann dieses Buch unmittelbar verstehen.“
Interessant ist dabei jedoch, dass Friedländer das anvisierte Publikum 1938 in einem Brief an Kurt Otte, der im Nachwort der Ausgabe aus der Bibliothek verbrannter Bücher abgedruckt wurde, noch einmal spezifisiert, indem er angibt, dass dieses „Buch [..] natürlich für Lehrer bestimmt [ist], welche den ‚Kindern’ diese aus >>Bändern, Sehnen und Gebein<< zusammengeflickte Gliederpuppe beleben soll.“

Ist der Text heute noch aktuell?

Eine andere Frage, die sich nun stellt, ist die nach der Aktualität dieser Niederschrift. Wenn dieses Buch nun als Grundlage für den Ethikunterricht dienen soll, bleibt immer noch die Frage, ob dessen Inhalte an den Schulen heutzutage überhaupt noch ohne weiteres lehrbar sind. Gerade der Anhang zur geschlechtlichen Sittlichkeit im ersten Kapitel des Buches, wird wohl nach heutiger Einstellung nur schwerlich Anklang finden. Wo Werbung mehr als je zuvor mit der Sexualität von Mann und Frau spielt, wirkt die Predigt vollständiger Enthaltsamkeit, die nur für den Zweck der Fortpflanzung gebrochen werden darf, überzogen um nicht zu sagen scheinheilig.
Dennoch können auch in diesem Kapitel Anhaltspunkte für aktuelle Thematiken wie zum Beispiel die Scheidung einer Ehe gefunden werden. So wird gefragt, ob Ehescheidung sogar sittlich geboten sein kann (Vgl. S. 39). Und auch weitere Thematiken wie z.B. die Frage nach einem möglichen allgemeinen Frieden (Vgl. S.33), oder nach einem richtigen gerechten und sittlichen Verhalten können auf der Grundlage dieses Buches diskutiert werden. In höheren Klassen könnte dieses Buch dann dazu dienen, eine bestimmte Thematik nach eben den Anschauungen Kants zu bewerten. Es stellt sich dann also nicht mehr die Frage nach der Aktualität von etwas, sondern es wird gefordert in die Position eines ruhmreichen Philosophen zu schlüpfen und die Sachverhalte auf der Grundlage seiner Theorie zu bearbeiten.

Was könnte Anlass zur Verbrennung des Textes gegeben haben?

Auch Anfang der dreißiger Jahre wird die Frage nach der Eignung dieses Buches gestellt worden sein. Doch damals waren es wahrscheinlich gerade die von einem jüdischem Schriftsteller formulierten Gedanken zum sittlichem Verhalten, die darauf zielten Frieden zu wahren und Gerechtigkeit für alle, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft oder Religion, zu fordern, die der zunehmend nationalsozialistisch gestimmten Mehrheit missfallen haben und dann zur Verbrennung des Buches 1933 führten.
Wenn gefragt wird „Was steht sittlich höher als die Vaterlandsliebe?“, dann kann folgende Antwort in einer Gesellschaft, die ihre eigene ‚arische Rasse’ über alle anderen stellt, nicht überzeugen:
„Die Liebe zur Gerechtigkeit im gegenseitigen Verkehr aller Völker.“
Zum Ende bleibt nur anzumerken, dass es gerade für Laien in Bezug auf die Philosophie Kants, schwer ist, zu entscheiden in wie weit die von Friedlaender verfassten Gedanken wirklich hundertprozentig mit den Ideen Kants übereinstimmen, da ja dieses Buch nicht nur auf dem Verständnis Friedlaenders, sondern auch auf den Einsichten von Ernst Marcus zu Kants Theorien basiert.

von Cathleen Kolath

Rezension zu Kant für Kinder – Fragelehrbuch zum sittlichen Unterricht von Salomo Friedlaender alias Mynona (anonym rückwärts geschrieben)

Paris, 1988, die Wohnung des Schriftstellers und Philosophen Salomo Friedlaender wird aufgelöst, nachdem der Sohn Heinz Ludwig verstorben ist. 1934 emigrierte Salomo Friedlaender zwangsweise hierher und verstarb dort 1946. Im Nachlass, des fast vergessenen, zu seiner Zeit oft verkannten Meisters der Groteske findet sich eines der letzten Exemplare des 1924 erstmals in Deutschland erschienenen Jugendbuches Kant für Kinder. Dieses mit einer zweifachen Widmung an den Sohn Heinz Ludwig versehene Fundstück (einer gedruckten und einer handschriftlichen) weist neben Gebrauchsspuren auch zahlreiche Korrekturen Friedlaenders auf. So scheint der Autor selbst im Exil an seinem Traum, den Kindern und Jugendlichen ‚Kants ewigen Frieden‘ zu vermitteln, weitergearbeitet zu haben.[1]

Das Fragelehrbuch zum sittlichen Unterricht orientiert sich hauptsächlich an den Erkenntnissen und theoretischen Schriften zum Werk Immanuel Kants von Ernst Marcus, dem Lehrer und Vorbild Friedlaenders und natürlich an Kant selbst. Friedlaender stellt in drei Kapiteln die drei wesentlichen Fragen der Ethik Kants:

I. Was sollen wir tun?

II. Was dürfen wir hoffen?

III. Was können wir wissen?

Im ersten Kapitel Was sollen wir tun? werden die Begriffe ‚Natur‘ und ‚Vernunft‘ näher erklärt. Friedlaender führt aus, dass die Natur den Menschen dazu treibt seine Begierden, Wünsche, Triebe und Gelüste zu befriedigen – doch der Mensch besteht nicht nur aus Naturtrieben, er ist nicht nur Stoff, der Mensch ist auch Vernunft, also Geist. Daher solle der Mensch danach streben seine Naturtriebe den Gesetzen der Vernunft zu unterwerfen, woraus dann die Sittlichkeit entstehen könne.[2] Die ‚Sittlichkeit‘ ist die Prämisse für ethisches Handeln und bildet den roten Faden in Kants Moralphilosophie und somit in Friedlaenders Kant für Kinder.

Diese Sittlichkeit definiert die zwischenmenschlichen Beziehungen ebenso wie die Notwendigkeit des Rechtsstaates[3] bis hin zum Völkerrecht[4].

Friedlaender gelingt es, in diesem Kapitel durch Fragestellungen wie: „Woran erkenne ich, ob ich sittlich handle?“[5], neben der Theorie Kants auch dessen Anleitungen für die Umsetzung im Alltag wiederzugeben. Demnach gelangt der Mensch zur Erkenntnis über die Richtigkeit einer Handlungsweise durch das Hinterfragen, ob seine Handlung zu einem „unbedingten, unverbrüchlich geltenden Gesetz“[6] werden kann. Würde dieses allgemein gültige Gesetz keinen Sinn ergeben, wäre die Handlung eindeutig unsittlich. Friedlaender präsentiert hiermit Kants Kategorischen Imperativ ohne diesen beim Namen zu nennen.

Kontrovers wäre allerdings die Allgemeingültigkeit zu diskutieren, auf der diese Sittlichkeit fußt. Da sie keine Ausnahmen kennt, sondern in sich absolut und geschlossen ist, versperrt sie sich den Grauzonen des Lebens und läuft Gefahr zum starren Regelwerk zu werden.

Der zum Kapitel I. gehörende Anhang: Grundsätze der geschlechtlichen Sittlichkeit, indem Friedlaender den ehelichen Geschlechtsverkehr zur Fortpflanzungsnotwendigkeit degradiert, Keuschheit predigt und die Selbstbefriedigung als unsittlich verpönt, dürfte in der heutigen Zeit befremdlich wirken. Vermutlich ging es Friedlaender um eine werkgetreue Umsetzung der Theorien Kants. Erwähnenswert ist hierbei allerdings, dass Friedlaenders Lehrer Ernst Marcus, der sich ebenfalls um eine genaue Interpretation Kants bemühte, das „Sexualproblem“[7] als nicht gelöst ansah und weiter daran arbeitete. Der Anhang sollte daher eher dazu dienen ein Verständnis für den historischen Kontext, der Zeit in der Immanuel Kant lebte, zu entwickeln.

Kapitel II. Was dürfen wir hoffen? verspricht die Belohnung für sittliches Handeln, die sich im Glauben an die Unsterblichkeit des vernünftigen Wesens, das sich durch Wahrhaftigkeit auszeichnet, manifestiert.[8] Der Glaube, der hier unabhängig von der Konfession ist, gründet auf der konsequenten Einhaltung des Sittengesetzes, dass dann wiederum eine Frömmigkeit im religiösen Sinne ermöglicht. Entscheidend ist hierbei, das es keine Pflicht zur Religion gibt. Das transzendente Wesen ‚Gott‘ wird in die zweite Reihe verwiesen, an die erste Stelle tritt das Sittengesetz, welches a priori gilt.

Friedlaender fragt dann, was für eine Welt wird vorstellbar, wenn das oberste Gebot das Sittengesetz ist. Mit der Antwort kommt der Autor zum Kern seines Anliegens – den Kindern und Jugendlichen Leitlinien für ein friedliches Zusammenleben der Menschen mitzugeben.

Demnach wird in Zukunft nicht mehr entscheidend sein, welchem Volk, Staat, Rasse oder Klasse jemand angehört. Die kommenden Konflikte werden sich in der Polarität Sittlichkeit und Unsittlichkeit kristallisieren. Ein Höchstmaß an Weltfrieden soll dadurch erreicht werden.[9]

Was können wir wissen?, das dritte und letzte Kapitel ist besonders bemerkenswert, weil es Friedlaender gelingt, das Elementare von Kants Kritik der reinen Vernunft klar und verständlich wiederzugeben. Vom Suchen nach der Wahrheit als absolutem Ziel, der Vermeidung des Irrtums, hin zum Weg der Erkenntnis durch den Verstand, auf der Grundlage der Beweisbarkeit nähert sich Friedlaender systematisch der Metaphysik.

Das ‚Ursache-Wirkungs-Prinzip‘ wird kinderleicht erklärt an Hand des Schmerzes, der entsteht, wenn die Kraft eines harten Gegenstandes auf einen Leib einwirkt.[10] Abstraktionsvermögen des Rezipienten ist erst gefordert, als es um Raum und Zeit als leere Sinnesempfindungen geht und Friedlaender die notwendigen Vorkenntnisse bereits vermittelt hat. Ein Kapitel, für das auch Erwachsene dankbar sein werden, die sich bisher vergeblich an Kants Hauptwerk abmühten.

Zum Text insgesamt ist zu sagen, dass der Aufbau nach dem Frage-Antwort-Schema, das möglich macht, was unmöglich klingt, Kants Theorien Kindern und Jugendlichen zugänglich, ja sogar begreifbar zu machen. Die Beantwortung der Fragen folgt einer stringenten Argumentationslinie in kindgerechter Methodik. So werden die großen Fragen in kleinere Teilfragen gegliedert. Die Antworten wiederum werden durch Beispiele anschaulich und überzeugen durch Logik. Schritt für Schritt wird der Leser mit Kants Moralphilosophie vertraut gemacht und befindet sich fortwährend im Prozess des Erkennens.

Friedlaenders Kant für Kinder ist eine Bereicherung – inhaltlich überzeugt es durch die getreue Anlehnung an das Werk Immanuel Kants und Ernst Marcus, in der Form und im Aufbau durch seine Einfachheit, die in diesem Fall ein Gütesiegel ist. Wobei für Kinder wie Erwachsene vor der Lektüre des Werkes klar sein sollte, dass es sich hier um einen philosophischen Text (keinen Roman) handelt, der Stück für Stück , also Sinnabschnitt für Sinnabschnitt gelesen und verstanden werden will.

Das Ziel Salomo Friedlaenders durch Kants Ethik den Kindern und Jugendlichen seiner Zeit eine Orientierungshilfe für ethisches Handeln zu geben, ist eine für die Weimarer Republik revolutionäre Idee und wohl auch eine Reaktion auf die gesellschaftspolitischen Irrungen und Wirrungen dieser Zeit. Die Verhandlung die Friedlaender mit dem Reichsinnenministerium[11] führte, um die Übernahme des Textes in den Unterricht in deutschen Schulen zu verwirklichen, zeigen ein Engagement, das Beachtung verdient und kennzeichnen einen Mensch der im Denken seiner Zeit weit voraus war.

von Susann Schidlowski


[1]Vgl. Friedlaender, Salomo: lesespur & pfauenfeder eine art vorwort aus: Kant für Kinder. Fragelehrbuch zum     sittlichen Unterricht. Georg Olms Verlag. Hildesheim. 2008.

[2]Vgl. Friedlaender, Salomo: Kant für Kinder. Fragelehrbuch zum sittlichen Unterricht. Georg Olms Verlag.Hildesheim. 2008, S. 20-21.

[3]Ebenda, S. 28.

[4]Ebenda, S. 32.

[5]Ebenda, S. 25.

[6]Ebenda, S. 25.

[7]Ebenda, Essay Detlef Thiel, S. 109.

[8]Ebenda, S. 45.

[9]Ebenda, S. 45.

[10]Ebenda, S. 59.

[11]Ebenda, S. 97.