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André Gide: Kongo und Tschad (1930)

Titelblatt der deutschen Erstausgabe von André Gides "Kongo und Tschad" von 1930
Titelblatt der deutschen Erstausgabe von André Gides „Kongo und Tschad“ von 1930

Da ist einer aufgebrochen, um sich einen Jugendwunsch zu erfüllen: nämlich Äquatori­alafri­ka zu bereisen.
Als über Fünfzigjähriger beginnt er mit einem Freund im Juni 1925 die Reise, die etwa ein Jahr dauert, kämpft ein wenig mit seinem Alter … und beschreibt zuerst in seinen Aufzeichnungen Landschaften und erzählt etwa davon, wie er auf Schmetterlingsfang geht, Schlangen, Termiten und anderes Getier bewundert – oder auch einmal die Landschaft gar nicht großartig, sondern eintönig findet.
Aber schnell ergreift ihn immer und immer mehr eine umfassende Empathie für die Eingebore­­­­nen (was alle anderen Themen mehr oder weniger rasch – wenigstens für uns Leser – gleichgültig werden lässt). Sein eigener Staat ist es qua der „Compagnie forestière“, der die Menschen skrupellos ausbeutet; so dass Gide – ohne sich einer Partei anzuschließen – zum Kommunisten wird: eine traurige, entmutigende Geschichte über Hunderte von Seiten … Leider sehr zeitgenössisch!
Er verliert also den Impetus des Suchers nach dem Exotischen, beschreibt zwar Ethnographisches wie das Aussehen der Menschen und ihrer Dörfer, äußert sich über ihre Sprache, ihre ehe- bzw. außerehelichen Beziehungen, lässt uns teilnehmen an Empfängen mit Tänzen, Gesängen, spricht von ihrer natürlichen Höflichkeit, aber immer mehr geht es um Hunger, Krankheiten und unbezahlte Zwangsarbeit, um Ungerechtigkeit, überhaupt Sklaverei, um die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen.
Gides Problem: er selbst ist Teil dieses kolonialen Systems, indem ihm z.B. seine Träger für die langen Fußmärsche mit Hilfe seines Staats zwangsrekrutiert werden, indem ihm seine halboffizielle Mission aus Taktgrünen nicht erlaubt, in seinen Anklagen einfach das System Kolonialismus als solches anzuprangern …
Sein Credo „Keine Art opportunistischer Rücksichtnahme wird mich dazu bringen können, der Lüge und dem Verbrechen zuzustimmen“ (allerdings im Hinblick auf Russland gesagt), wirkt deshalb von heute her nicht ganz zwingend.
Gide hat zumindest bis 1932 – nachzulesen in den Tagebüchern – Deutschland häufig besucht; besonders in Berlin ist er oft, im letztgenannten Jahr wenigstens fünfmal. Noch 1934 reist er zusammen „mit André Malraux nach Berlin, um bei Goebbels die Freilassung Dimitroffs und anderer nach dem Reichstagsbrand verhafteter Kommunisten zu erwirken“ (aus dem Vorwort zum Band Tagebuch 1923-1939 der Gesammelten Werke. Büchergilde Gutenberg). Und trotzdem: zur Bücherverbrennung kein Wort! Wusste er nicht, dass die Nazis auch die kurz zuvor erschienene Übersetzung von Kongo und Tschad auf ihrem Scheiterhaufen in Berlin auf dem Opernplatz verbrannt hatten? Schwer vorstellbar …

von Frank-Volker Merkel