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Kurt Tucholsky: Lerne lachen ohne zu weinen (1931)

„Lest Bücher! Sie sind kleine Inseln der Freiheit im Meer der Zensur!

Kurt Tucholskys "Lerne lachen ohne zu weinen", 1931 erschienen im Rowohlt Verlag
Kurt Tucholskys „Lerne lachen ohne zu weinen“, 1931 erschienen im Rowohlt Verlag

Mit Lerne lachen ohne zu weinen liegt uns eine Sammlung von Artikeln, Gedichten und kurzen Prosatexten Tucholskys aus den Jahren 1927 bis 1931 vor. Der Band erschien im Oktober 1931, wenige Monate nach Schloss Gripsholm, und war, abgesehen von dem Schauspiel Christoph Kolumbus, das Letzte, was zu Tucholskys Lebzeiten, und in Deutschland, in Buchform veröffentlicht wurde.
Schon 1933 landete er zusammen mit Tucholskys restlichen Werken auf den Scheiterhaufen der Studentenschaft.
Die Texte sind leicht, und flüssig zu lesen. Doch inhaltlich wiegen sie schwer. Tucholsky rechnet hier mit vielem ab – affektiertem Volk, Bürokratie, politischem Marionettenspiel, gescheiterter Republik, Unfähigkeit der Menschen sich zu regen, zu sehen, was vorgeht, Justiz, Intoleranz der Völker, besonders des deutschen, Krieg, Gesellschaft, Religion. Er war kein sonderlich bequemer Zeitgenosse, hatte zu allem eine Meinung, aber nicht gerade eine, die irgendwo hinein passte. Kritisiert wurde er gern und von allen Seiten.

Doch ist es weniger Abrechnen. Er führt dem Leser nur die Welt draußen, die Welt vor der eigenen Haustür vor Augen. Doch seine Warnungen, sein realistischer Zukunftsblick verhallten ungehört.
Er tut dies auf angenehmste Weise. Es sind weder Bitterkeit noch Hass, die ihn treiben, sondern Trauer und Verwunderung über die Dummheit und Ignoranz der Menschen.
Seine Stücke durchzieht feinste Ironie, jedoch stets fundiert. Herr Tucholsky kritisiert nicht einfach so. Jedes Wort hat seinen Platz und gemeinsam singen sie Abschied: 1930 verließ Tucholsky Deutschland endgültig und stellte seine schriftstellerische Tätigkeit ab 1931 zunehmend ein.
Die Liebe zu Deutschland ist zu spüren, so tiefgehend, dass sie fast an Melancholie grenzt, berichtet der Band doch auch ein wenig vom Untergang desgleichen.
Ein sehr wahres, klares, auch unschönes Buch, das aufrüttelt und nachgrübeln lässt, wie eine Stimme wie diese so ungehört verschallen konnte.
Nach 1945 erschienen verschiedenste Werkausgaben, die Sammlung wurde in dieser Form auch teilweise übernommen. Als Einzelband jedoch erscheint sie erst jetzt wieder.

An das Publikum

Oh hochverehrtes Publikum
sag mal: bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: „Das Publikum will es so!“
Jeder Filmfritze sagt: „Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!“
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
„Gute Bücher gehn eben nicht!“
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käm am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte…
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

Ja, dann…
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmäßigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Grießbrei-Fresser -?
Ja, dann…
Ja, dann verdienst dus nicht besser.

Mutterns Hände

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm –
un jewischt un jenäht
un jemacht un jedreht…
alles mit deine Hände

Hast de Milch zujedeckt,
uns Bobongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen –
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält…
alles mit deine Hände

Hast uns manches Mal
bei jroßen Schkandal
auch n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben…
Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wa nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.