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Erich Grisar: Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa (1932)

Erich Grisars "Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa", 1932 erschienen beim Verlag "Der Bücherkreis"
Erich Grisars „Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa“, 1932 erschienen beim Verlag „Der Bücherkreis“

In seinem Reisebericht Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa schildert der Dortmunder Dichter Erich Grisar seine Erfahrungen zu Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. In Bildern und Texten berichtet er von seinen Aufenthalten in Holland, Belgien, England und Polen sowie in der Tschechoslowakei, Italien, Frankreich und Spanien. Diese 1932 beim sozialdemokratischen Verlag Der Bücherkreis GmbH Berlin erschienene Bildreportage führte bereits 1933 zur Ächtung Grisars durch das Regime der Nationalsozialisten. Grisar, der sich mit Spielen und Sprechchören innerhalb der Arbeiterbewegung einen Namen gemacht hatte, nahm seinen erlernten Beruf als technischer Zeichner in Dortmunder Fabriken wieder auf und war später, von 1945 bis zu seinem Tod 1955, als Bibliothekar tätig. Sein letztes Werk erschien 1953. Sein Reisebericht wurde nicht wieder verlegt.
Grisars Reiseberichte, deren Stil und Struktur zunächst ungewöhnlich sind, nehmen den Leser mit auf die Reise durch Europa. In ihnen zeigt Grisar vor allem das Europa der Arbeiter. So verknüpft er die Stadt- und Landschaftsbeschreibungen mit geschichtlichen Eckpunkten der Arbeiterbewegung, wie z.B. dem Grab von Karl Marx in London oder das Züricher Wohnhaus von Lenin.
Die Schilderungen werden ergänzt durch 44 Bildseiten, die im Vordergrund stehen und den Dokumentationscharakter des Buches untersteichen. Sie brechen das Bild des unbeschwerten Bildungsreisenden auf, indem sie neben der Postkartenidylle der Sehenswürdigkeiten das erlebbare Elend, die Armut und die vielerorts vorherrschende Ungerechtigkeit vor Augen führen. In den Bildunterschriften, die treffsicher und aussagekräftig den Bildern zugeordnet werden, bedient sich Grisar, in der Tradition seiner Zeit, dem Pathos und den Topoi der Arbeiterdichtung und beweist somit die Dimension der nationenübergreifenden Klassengleichheit der Arbeiterklasse.
Die Bildreportage ist mehr als ein sozialwissenschaftlicher Bericht über das Europa der 30er Jahre. Sie ist auch eine Abrechnung mit dem Krieg im Allgemeinen. In Einschüben und Nebensätzen finden sich Auseinandersetzungen mit den Erfahrungen, die Grisar im Ersten Weltkrieg gemacht hat. Das Buch besucht Orte vergangener Schlachten und zeigt, wie sich Natur und Alltag ihre Territorien langsam wieder zurückerobern. Der Weg führt vorbei an Mahn- und Denkmälern, deren einsetzende touristische Vermarktung keinen Platz mehr lässt für eine fruchtbare Auseinandersetzung mit den Folgen und Konsequenzen von Gewalt.
Grisars Reisebericht endet mit einem Plädoyer gegen den Krieg, das gleichzeitig ein Plädoyer für das Leben ist: „Da weiß ich wieder, der Tod hat sein Spiel verloren. […] denn das Leben ist stärker als der Tod“ (Grisar 1932, S. 135).

von Svenja Perlitz

Literatur

Grisar, Erich: Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa, Berlin 1932.
Heintz, Günther (Hrsg.): Deutsche Arbeiterdichtung 1910-1933, Stuttgart 1974.
Kortländer, Bernd (Hrsg.): Literatur von nebenan. 1900-1945. 60 Portraits von Autoren aus dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen, Bielefeld 1995.