» N (Nachkrieg – Neue Menschen…)

Ludwig Renn: Nachkrieg (1930)

Titelseite von Ludwig Renns "Nackrieg", erschienen 1930 beim Agis-Verlag
Titelseite von Ludwig Renns „Nackrieg“, erschienen 1930 beim Agis-Verlag

Ludwig Renn, der mit bürgerlichem Namen Arnold Friedrich Vieth von Golßenau hieß, wurde am 22. April 1889 in Dresden geboren. Dem Abitur folgte eine Offizierslaufbahn. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er an der Westfront. Nach dem Krieg studierte er in Göttingen, München und Wien. Die Unruhen der Weimarer Republik prägten sein literarisches Gedankenbild, das vor allem in dem Roman Nachkrieg, welcher 1930 erschienen ist, zum Tragen kommt.
Der Roman beschreibt, wie der junge Bataillonsführer Renn mitsamt seinen Kameraden in das instabile Gebilde der jungen Weimarer Republik zurückkehrt. Renns Beschreibungen sind geprägt vom Zusammenhalt unter den Soldaten, ständigen Unruhen in der Bevölkerung und dem Machtkampf der Offiziere mit den Soldatenräten. Missstände wie Unterversorgung, mangelhafte Unterbringung der Soldaten und chaotische Dienstpläne sind an der Tagesordnung. Historisch gesehen betrachtet Renn die Ereignisse zwischen Kriegsende und Kapp-Putsch in Sachsen. Renn gibt hierbei einen sehr detaillierten Einblick in die verwirrende Zeit nachdem Ersten Weltkrieg. Er schildert die Sorgen des kleinen Soldaten, der seine Frau ungesehen in die Kaserne schmuggeln will ebenso nüchtern wie die Machenschaften der Offiziere.
Die Hauptfigur Renn, nach der sich Vieth später benennen sollte, wandert auf einem schmalen Grat zwischen einer reaktionären Sozialdemokratie und dem progressiven Kommunismus, ohne sich jedoch für eine Seite zu entscheiden. Ihm ist die Kameradschaft wichtiger als die Hetzrede irgendeines Parteigängers. Trotz aller moralischen Brücken, die sich Renn aufbaut, muss er immer wieder erleben, wie Arbeiteraufstände blutig niedergeschlagen werden, dass Verurteilungen und Strafen nie die Reichen und Mächtigen treffen, sondern dass sich alles Leid stets auf die Unterschicht entlädt. Am Ende gerät Renn selbst in eine prekäre Situation, in der er sich aber moralisch verhält. Auf einer Brücke in Riesa kommt es zu einer Begegnung mit Demonstranten der Arbeiterschaft. Renn lässt die Waffen ruhen. Sein Befehlshaber missbilligt diesen Vorgang. Renn wird einige Zeit später entlassen, bleibt aber der moralische Sieger – auch bei seinen Kameraden.
Der Roman Nachkrieg von Ludwig Renn spart zwar mit großen Spannungselementen, liefert jedoch eine nüchterne Dokumentation, die im Stil der Beobachtungsliteratur der Neuen Sachlichkeit gehalten ist.
Nach seinem Eintritt in die KPD (1928) überschlugen sich die Ereignisse. Renn wurde mehrmals inhaftiert, da man ihm Hochverrat vorwarf. Nach dieser für ihn dunklen Periode emigrierte Renn im Jahr 1936 nach Spanien, wo er im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der republikanischen Regierung kämpfte, für die er sich später in Latein- und Nordamerika engagierte. Er kehrte 1947 nach Deutschland zurück, wo er in die SED eintrat. In der DDR wurde Renn vor allem als Verfasser politischer Schriften und Kinderbüchern bekannt, für die er mehrere Preise und Auszeichnungen erhielt. So wurde er in den Jahren von 1969 bis 1975 zum Ehrenpräsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin ernannt. Ludwig Renn starb am 21. Juli 1979 in Berlin.

von Tim Graulich