» R (Reigen – Ruhe und Ordnung)

Arthur Schnitzler: Reigen / Leutnant Gustl

Reigen

Der „Reigen“ ist ein zyklisches Theaterstück von zehn dramatischen Dialogen, das Schnitzler 1896/97 verfasste. In diesem Stück versucht Schnitzler ein moralisches Bild der Gesellschaft des ausgehenden 19.Jh. zu zeichnen. Er wählte dafür Figuren, die aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten stammen, jedoch eine Verbindung zueinander aufweisen. Die Paare finden durch Verführung oder Machtausübung zueinander, was auch als Hinweis darauf zu verstehen ist, dass es sich beim „Reigen“ nicht um eine Liebesgeschichte handelt. Aufgrund seines skandalösen Inhalts kam es zu einem Skandal und zu starken Publikums-Tumulten. Schließlich kam es 1921 zur Gerichtsverhandlung wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ in Berlin und Schnitzler selbst untersagte weitere Aufführungen. „Vergiftend wirkt das Werk nicht nur auf einzelne, sondern auf unsere ganze sittliche Atmosphäre.“[1] Das Stück wurde zum bekanntesten Beispiel für ein Opfer verlogener Sexualmoral und Prüderie.

Inhalt

Die Dirne und der Soldat
Spät abends an der Augartenbrücke in Wien spricht die Dirne Leocadia den Soldaten Franz an. Sie bietet ihm ihre Dienste an ohne etwas dafür zu fordern. Ihr Zimmer ist jedoch 10 Minuten entfernt und der Soldat hat es eilig. So treiben sie es schließlich in einer dunklen Ecke am Donauufer. Danach hat der Soldat es noch eiliger als zuvor, in seine Kaserne zu kommen und lässt Leocadia stehen, ohne ihr seinen Namen zu verraten.

Der Soldat und das Stubenmädchen
An einem Sonntagabend spricht der Soldat Franz auf einem Tanzabend im Wurstelprater das Stubenmädchen Marie an. Er überredet sie, ihm in eine dunkle Allee zu folgen. Zunächst will Marie noch nicht einmal das angebotene „Du“ annehmen, dann haben die beiden jedoch Sex. Nach dem kurzen Koitus will der Franz sofort zurück zum Tanzabend, Marie berichtet jedoch von ihrer strengen Frau und sagt, dass sie zurück müsse. Sie bittet Franz sie zu begleiten, aber Franz hat Ausgang bis zwölf und ist nicht bereit das Fest früher zu verlassen.  Marie wartet auf ihn, während er sich bereits mit dem nächsten Mädchen beschäftigt.

Das Stubenmädchen und der junge Herr
Der junge Herr Alfred ist allein zu Hause. Seine Eltern sind aufs Land gefahren, die Köchin hat Ausgang; nur das Stubenmädchen Marie ist im Haus. Er lockt sie unter verschiedenen Vorwänden in sein Zimmer. Schließlich zieht er sie zu sich auf den Diwan und beginnt ihre Bluse aufzuknöpfen – bis es klingelt. Marie sieht nach, der Besucher ist jedoch schon gegangen. Sie kehrt zu Alfred zurück, der es plötzlich eilig hat, ins Kaffeehaus zu kommen.

Der junge Herr und die junge Frau
Der junge Herr Alfred erwartet die junge Frau Emma. Als Emma schließlich kommt, wiederholt sie mehrmals, dass sie eigentlich von ihrer Schwester erwartet wird und sofort wieder gehen muss, doch sie bleibt. Die beiden gehen ins Bett. Anschließend verlässt Emma das Haus, um zu ihrer Schwester zu gehen. Alfred betrachtet diesen Abend als gelungen, da er nun eine Affäre mit einer anständigen Frau habe.

Die junge Frau und der Ehemann
Die junge Frau unterhält sich spät abends mit ihrem Ehemann Karl. An diesem Abend ist Karl besonders liebenswert. Zunächst ist er sehr nachdenklich und weist die junge Frau darauf hin, wie gut sie es hat, weil sie eine Frau ist. Dann kommt das Gespräch auf Karls Jugend und die junge Frau will wissen, ob Karl auch schon mit einer verheirateten Frau geschlafen hat. Karl wird stutzig und hinterfragt die Intention dieser Frage. Emma bringt ihn schnell davon ab, eine solche unter ihren Freundinnen zu vermuten. Sie hat einfach ein schlechtes Gewissen. Karl gesteht ihr, dass er mit einer solchen Frau etwas hatte, dass er sie jedoch nicht schätzen könne. Emma erschrickt. Insgeheim denkt sie, wenn Karl immer so nett zu ihr wäre, dass sie ihn dann nicht betrogen hätte. Die beiden schlafen ein.

Der Gatte und das süße Mädel
Der Ehemann Karl und das süße Mädel sitzen abends in einem Chambre separée des Riedhofs zusammen. Karl fragt sie nach ihren Liebschaften und das süße Mädel gesteht, dass er einem früheren Geliebten ähnlich sehe. Karl will offenbar den Beischlaf mit ihr, macht sich aber Gedanken, ob er auch der einzige Geliebte des süßen Mädels ist. Als er auf ihre Frage, ob er verheiratet sei, mit Ja antwortet, bemerkt sie, dass seine Frau ihn wohl auch hintergehen würde. Dies weist er entschieden zurück. Die beiden vereinbaren sich in Zukunft häufiger zu treffen, wenn er in Wien ist – jedoch unter der Bedingung, dass er der einzige Geliebte ist.

Das süße Mädel und der Dichter
Das süße Mädel trifft sich mit dem Dichter Robert. Die beiden sind allein auf seinem Zimmer. Das süße Mädel hat es eilig und will in einer Minute wieder gehen, doch sie bleibt. Weil es sie zwackt, legt sie ihr Mieder ab und Robert betrachtet sie. Um Eindruck bei ihr zu machen, gibt er sich für den bekannten Schriftsteller Biebitz aus, doch sie kennt diesen nicht. Robert bittet sie ihm für die nächsten Wochen zur alleinigen Verfügung zu stehen. Sie lehnt jedoch mit der Erklärung ab, dass ohne sie zu Hause nichts laufen würde. Schließlich zieht sie sich wieder an und die beiden verlassen das Zimmer.

Der Dichter und die Schauspielerin
Der Dichter und die Schauspielerin treffen sich abends in einem Gasthof. Sie ist müde und will sich hinlegen, deshalb schickt sie ihn nach unten, damit er vor ihrem Fenster wartet. Als sie fertig ist, ruft sie ihn herauf und er darf zu ihr ins Bett steigen. Sie unterhalten sich über Theaterangelegenheiten und rauchen eine Zigarette. Sie fragt ihn, wen er gerade betrügt und gibt auch zu gerade jemanden zu betrügen. Zunächst nennt sie ihn noch eine Laune, doch am Ende sagt sie, dass sie fiebrig vor Verlangen nach ihm sei.

Die Schauspielerin und der Graf
Der Graf besucht die noch kränkliche Schauspielerin bei ihr zu Hause. Er drückt sich sehr gewählt aus, was die Schauspielerin in Fahrt bringt. Er ist zögerlich, sie zieht ihn zu sich. Sie bietet ihm an, sich etwas von ihr zu wünschen und ist enttäuscht, dass er sie nur darum bittet, sie nach dem Theater abholen zu dürfen. Die Schauspielerin möchte sofort mit ihm schlafen, doch der Graf erklärt, dass er vor dem Frühstück nicht mit Frauen schlafe. Schließlich gibt er nach. Nach dem Geschlechtsakt besteht die Schauspielerin darauf, dass der Graf sie dennoch am Abend von der Vorstellung abholt.

Der Graf und die Dirne
Nach einer durchzechten Nacht erwacht der Graf im Zimmer der Dirne Leocadia. Er liegt auf dem Diwan, sie auf der Couch. Als er erwacht, kann er sich nicht mehr an den Vorabend erinnern, er weiß lediglich, dass er das Kaffeehaus am Abend zusammen mit seinem Freund Lulu betrat. Er will gerade gehen, als die Dirne aufwacht. Sie erklärt ihm, dass er nach dem Intermezzo direkt auf dem Diwan eingeschlafen ist. Er sagt, dass sie ihn an jemanden erinnere und küsst sie auf die Augen. Er wundert sich, dass sie es nicht komisch findet, dass er einfach gehen will. Er verspricht wiederzukommen und geht.

von Anica Petrovic

Quellen

www.dieterwunderlich.de/Schnitzler_reigen.htm, 4.07.2007, 20.03 Uhr.
http://www.szexualitas.hu/de/index.php?artikel=pornografie, 04.07.2007, 15.49 Uhr.

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/seim_zensurgeschichte/seim_zensurgeschichte.pdf, 04.07.2007, 16.22 Uhr.
http://www.oeaw.ac.at/oebl/bios/schnitzler_text.htm, 04.07.2007, 19.59 Uhr.

Leutnant Gustl

Die Novelle „Leutnant Gustl“ verfasste Arthur Schnitzler 1900 in vier Tagen während eines Kuraufenthaltes im niederösterreichischen Reichenau. Sie erschien noch im selben Jahr als Weihnachtsbeilage in der „Neuen Freien Presse“ und wurde 1901 als Buch veröffentlicht.

Inhalt

Der junge Leutnant Gustl sitzt am Abend in einem Oratorium und langweilt sich. Seine Gedanken schweifen ab, er denkt an das Duell, das er morgen führen wird, an das Mädchen, das ihm im Konzert gegenübersitzt, an seine Geliebte Steffi und daran, wo er nach dem Konzert hingehen könnte. Als das Oratorium beendet ist, drängt er sich durch die Menschenmenge zur Garderobe. Dort kommt es zum einem Streitgespräch mit einem anderen Gast, bei dem Gustl beleidigend wird. Der Leutnant erkennt zu spät, dass der Bäckermeister Habetswallner vor ihm steht, der oft in seinem Kaffeehaus verkehrt. Der Bäckermeister hält im Verlauf des Streits Gustls Säbel fest und droht damit, diesen vor der gesamten Menge zu zerbrechen. Gustl ist nicht stark genug, um dem anderen den Säbel zu entreißen. Der Bäckermeister verspricht dem jungen Leutnant keine Szene zu machen, wenn dieser ruhig bliebe. Gustl kann es nicht fassen, er wurde entehrt. Auf Grund seiner Scham will er sch umbringen.
Nach diesem Vorfall geht der junge Leutnant durch das nächtliche Wien und überlegt, wer wohl am meisten um ihn trauern würde und was die Zeitung schreiben würde, wenn er Selbstmord beginge. Seine Gedanken kreisen unter anderem um seine Militärzeit und  wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er nicht zur Armee gegangen wäre. Jedoch stellt er fest, dass er nichts anderes kann als Soldat zu sein. Gustl gelangt in den Prater. Dort versucht er Gründe für sein Verhalten an der Garderobe zu finden. Er meint, er sei nervös gewesen, da er gestern beim Glücksspiel verloren hätte. Außerdem sage seine Geliebte Steffi in letzter Zeit öfter Verabredungen ab; das morgige Duell, der wenige Schlaf und die Arbeit in der Kaserne seien ebenfalls Schuld. Schließlich schläft Gustl ein. Als er am nächsten Morgen erwacht, ist er zunächst erschrocken, aber er will immer noch Selbstmord begehen. Davor möchte er noch ein letztes Mal in seinem Lieblingscafé frühstücken. Dort angekommen, erfährt er vom Ober, dass der Bäckermeister gestern Abend einen Schlaganfall erlitten habe und verstorben sei. Gustl ist erleichtert. Nun muss er sich nicht mehr umbringen und freut sich schon auf das Duell am Nachmittag, bei dem er dem anderen Duellanten eine Lektion erteilen möchte.

Problematik

Schnitzler schildert keine Handlung im klassischen Sinn. Er verwendet in der Novelle durchgehend den inneren Monolog, so dass der Leser über den Zeitraum der Erzählung Gustls Gedanken und Gefühle verfolgen kann. Das Verb steht im Präsens um die Unmittelbarkeit des Geschehens zu unterstreichen. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts war dies eine revolutionäre Erzähltechnik. Dem Leser wird ein Blick in Gustls Psyche gewährt; er erfährt etwas über die  Neurosen und Ängste des jungen Leutnants. So kann er sich selbst ein Bild von Gustl machen, ohne weitere Wertungen vom Autor, einem Erzähler oder anderen Figuren zu erhalten.
In der Novelle wird außerdem der Ehrenkodex des  kaiserlich-königlichen Offizierkorps von Österreich-Ungarn in Frage gestellt. Gustl bezieht sein Selbstwertgefühl daraus, der Armee anzugehören. Als er jedoch von dem Tod des Bäckermeisters erfährt, vergisst er seinen Vorsatz sich zu töten. Dadurch wird der Ehrenkodex des Militärs als hohl entlarvt.
Schnitzler stellt weiterhin antisemitische Tendenzen im Militär dar und nimmt damit unter anderem Bezug auf die Dreyfus-Affäre, die in Frankreich um diese Zeit viel Aufmerksamkeit erregte. Der Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus, der jüdischer Herkunft war, wurde 1894 wegen angeblichen Verrats militärischer Geheimnisse an Deutschland verurteilt, obwohl es keinerlei Beweise für seine Schuld gab.
Die Novelle wurde nach ihrem Erscheinen vor allen Dingen vonseiten des Militärs kritisiert. Als Reaktion auf die Veröffentlichung wurde Schnitzler dem Offizierstand enthoben. Ihm wurde vorgeworfen, die Ehre und das Ansehen der Armee beschädigt zu haben. Das erklärt auch, warum dieses Werk von den Nationalsozialisten auf die schwarze Liste gesetzt wurde.

von Nadine Kupfer


[1] http://www.szexualitas.hu/de/index.php?artikel=pornografie