» S (Schatten… – Sturm auf Essen)

Ernst Bloch: Spuren (1930)

Auf den ersten Eindruck mutet das Buch „Spuren“ von Ernst Bloch merkwürdig an: die 90 kurzen Texte mit so sonderbaren Titeln wie „Schüttler für Erdbeeren“, „Rokoko des Geschicks“, „Einige Schemen linker Hand“ oder „Das genaue Olivenessen“ verbergen zunächst mehr an Bedeutung als sie preisgeben. Und tatsächlich ist der Begriff „merkwürdig“ eines von zahlreichen „Spuren“-Stichwörtern. Der Text mit dem Titel „Das Merke“ hat somit programmatischen Charakter: „Kurz, es ist gut, auch fabelnd zu denken. […] Aus Begebenheiten kommt da ein Merke […]. Wie einige dieser Dinge auffielen, wird hier nun weiter zu erzählen und zu merken versucht; liebhaberhaft, im Erzählen merkend, im Merken das Erzählte meinend. […] Es ist ein Spurenlesen kreuz und quer […].“ Diese Texte fordern dazu auf, sich auf sie einzulassen, gleichsam mit auf Spuren-Suche zu gehen. Häufig führt dieser Weg in die Erinnerungsräume der Kindheit und Jugend des 1885 in Ludwigshafen geborenen Philosophen Ernst Bloch. Flüchtige Vorkommnisse und beiläufige Begegnungen werden imaginiert und stets mit größeren Sinnfragen verknüpft. In den Spuren sind es außerdem kuriose, irrationale und unverhoffte Situationen, aus denen heraus Bloch philosophische Gedanken formuliert, die trotz der marxistischen Gesinnung des Autors mehr mit Meditation zu tun haben als mit Umsturz. Auch scheinen die „Spuren“-Texte von der künstlerischen Avantgarde der 20er und 30er Jahre, also vom Surrealismus, sowie von der Psychoanalyse beeinflusst zu sein. Die Spuren sind zum großen Teil vor 1930 verfasst und bieten somit keine Reflexion über die Zeit des Nationalsozialismus. Noch konnte Bloch vom „großen Reichtum einer brechenden Zeit“ sprechen, bevor er als Jude und Marxist gezwungen war, durch mehrere europäische Länder zu flüchten und letztendlich in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Hier schrieb er bis 1947 an seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“. Im Zentrum des Bloch’schen Denkens steht die Utopie von einer besseren Welt. Im dialektischen Materialismus sieht Bloch die Möglichkeit einer Überwindung des Utopischen als bloßem Wunschdenken. Die Professur für Philosophie an der Universität Leipzig im neu gegründeten sozialistischen Staat kann als Blochs eigener Beitrag dazu verstanden werden. Zwar erhielt Bloch 1955 den Nationalpreis der DDR, doch wurde er schon zwei Jahre später mit Publikationsverbot belegt. Nach dem Mauerbau 1961 sah er erneut keinen anderen Ausweg als die Flucht. In Tübingen war Bloch bis zu seinem Tod 1977 Professor. Die „Spuren“, die von all diesen späteren Ereignissen unberührt sind, lassen sich auch als Einführung in das Bloch’sche Denken lesen. Denken, das kann man bei Bloch lernen, setzt im Kleinen an, auch in kleinen Geschichten: so soll das utopische Potential in altdeutschen Erzählungen, orientalischen Märchen und jiddischen Legenden, aber auch in Wachträumen und Phantasien Anreiz sein, „die großen Fragestrecken selber zu durchmessen“.

von Anja Mueller

Literatur

Bloch, Ernst: Spuren, Frankfurt a. M., Suhrkamp 1985.