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Stefan Zweig: Verwirrung der Gefühle (1927)

Titelseite von Stefan Zweigs "Verwirrung der Gefühle", 1927 erschienen im Insel-Verlag Leipzig
Titelseite von Stefan Zweigs „Verwirrung der Gefühle“, 1927 erschienen im Insel-Verlag

Stefan Zweigs Novellenband Verwirrung der Gefühle erschien im Sommer 1926, und schon nach wenigen Monaten waren 30.000 Exemplare verkauft. Dies bedeutete für den 1881 in Wien geborenen Schriftsteller, der bis dahin bereits mehrere Novellen, Theaterstücke und Übersetzungen veröffentlicht hatte, einen beachtlichen literarischen Erfolg. In Verwirrung der Gefühle ergründet Stefan Zweig die Gefühlswelt seiner Protagonisten und wagt sich dabei unter anderem auch an das für seine Zeit kontrovers diskutierte Thema Homosexualität heran. 24 Stunden aus dem Leben einer Frau erzählt von einer kurzen, aber leidenschaftlichen Beziehung einer verwitweten Frau zu einem jungen Unbekannten, der der Spielsucht verfallen ist. Anfänglich will sie ihm helfen und ihn aus seiner Situation befreien, schließlich jedoch lässt sie sich auf eine Liebesnacht mit ihm ein. In der zweiten Novelle, Untergang des Herzens, fühlt sich ein älterer Kaufmann von seiner Frau und seiner Tochter, für die er sich in vielen Jahren der harten Arbeit aufopferte, allein gelassen und gekränkt. Verbittert und einsam zieht er sich vom Leben zurück. Verwirrung der Gefühle ist die Geschichte eines jungen Studenten, der nach einem freizügigen Studienaufenthalt in Berlin auf Bitten des Vaters an eine kleine Universität in die Provinz wechselt, und dort einem Professor begegnet, der für ihn bald an Bedeutung gewinnt. Zwischen ihnen beginnt sich ein freundschaftliches Verhältnis zu entwickeln, aber bald zeigt der Lehrer auch eine andere Seite und gibt sich kühl und reserviert. Enttäuscht und verletzt verbringt der Student eine Nacht mit der Frau des Professors und beschließt tags darauf, von Gewissensbissen und Schuldgefühlen geplagt, abzureisen. Der Professor besteht zuvor noch auf ein letztes Gespräch, in dem er dem Studenten sein wahres Gefühlsleben offenbart.
Schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird Stefan Zweig öffentlich angegriffen und diffamiert. So wird der Schriftsteller 1930 in einem Buch des Rassentheoretikers Hans F. K. Günther, „Rassenkunde des jüdischen Volkes“, als Vertreter des typischen Juden aufgeführt und im August des Jahres 1932 werden Stefan Zweig sowie andere bedeutende zeitgenössische Schriftsteller im nationalsozialistischen Blatt Völkischer Beobachter als „Repräsentanten einer dekadenten Niedergangsperiode“ bezeichnet. Schon zu dieser Zeit drohen ihnen die Nationalsozialisten im Falle einer Machtübernahme Schreibverbot an. 1934 wird auch für Zweig die Situation in Österreich bedrohlich und er beschließt, nachdem bei ihm eine polizeiliche Hausdurchsuchung stattgefunden hatte, das Land zu verlassen. Über London und New York geht er schließlich nach Brasilien, wo er sich 1942 zusammen mit seiner Frau das Leben nimmt. Am Tag der Bücherverbrennung schreibt Zweig in einem Brief an den französischen Schriftsteller Romain Rolland:

„Mein lieber Freund, ich antworte Ihnen heute, am 10. Mai, dem Tag des Ruhms, da meine Bücher auf den Scheiterhaufen in Berlin brennen, vor der Universität, wo ich vor 1000 Menschen über Sie gesprochen habe, nahe dem Theater, wo man Stücke von mir gespielt hat. […] Dies ist ein schöner Tag – was ihn ein wenig verdüstert, ist die Feigheit der andern. Seit man meinen Namen auf der Liste gelesen, nahezu kein Wort mehr aus Deutschland. Man hat Angst, mir zu schreiben! […] Nicht ein Protest eines deutschen Schriftstellers gegen das Autodafé von Werfel, von Wassermann, von Schnitzler, von mir! Keiner, keiner, keiner! Nicht mal in einem privaten Brief! Schweigen, Angst, Ausflüchte! […] In wenigen Stunden flammt in Berlin der Scheiterhaufen, aber ich lebe weiter und, wie ich hoffe, auch meine Bücher!“ (Romain Rolland/ Stefan Zweig. Briefwechsel. 1910-1940, Bd. 2. 1924-1940, Berlin: Rütten & Loening 1987, S. 514ff..).
von Felipe Gajardo