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Fijodor Gladkow: Zement (1927)

Buchcover von Fjodor Gladkows Roman "Zement", 1927 auf deutsch im Verlag für Literatur und Politik erschienen
Buchcover von Fjodor Gladkows Roman „Zement“, 1927 auf deutsch im Verlag für Literatur und Politik erschienen

Das 1927 zum ersten Mal erschienene Werk des russischen Autors F. Gladkow beschäftigt sich mit den Zwischentönen der Zeit nach dem russischen Bürgerkrieg. Gladkow beleuchtet nicht die Revolution als politisches Ereignis selbst, sondern er beschreibt die Menschen, die an ihr teilhatten. Ohne prorevolutionäre Propaganda zu betreiben, zeigt er auf, wie nachhaltig die Revolution das Leben einzelner Menschen prägt und wie diese versuchen, sich nach den Unruhen wieder in einen normalen Alltag einzufinden.
Im Zentrum des Romans steht das Ehepaar Gleb und Dascha. Als Gleb nach dem Ende des Bürgerkrieges aus dem Feld heimkommt, findet er, entgegen seiner Hoffnungen und Erwartungen, nicht mehr sein kleines sauberes Heim vor, das er vor drei Jahren verlassen hat und auch seine Ehefrau Dascha hat sich verändert. Diese bekleidet inzwischen eine führende Rolle im Frauenkomitee der Stadt, trägt Hosen und ein rotes Kopftuch. Die gemeinsame kleine Tochter Njurka lebt im nahe gelegenen Kinderheim zusammen mit anderen Kommunisten-Kindern. Statt mit überschwänglicher Freude begrüßt Dascha ihren heimgekehrten Ehemann mit kühler Überraschung und lässt ihn am Gartentor stehen, weil sie ins Frauenkomitee zu einer Sitzung muss. Gleb versteht die Welt nicht mehr, denn offensichtlich hat er nicht erwartet, dass sich seine Dascha in drei Jahren so verändert haben könnte. Benachbarte Freunde empfangen ihn dagegen herzlicher und drängen ihn dazu, sich intensiv am Wiederaufbau zu beteiligen.
Auch seine Stadt findet Gleb verändert: Das große Zementwerk, in dem er vor der Revolution gearbeitet hat, liegt still, Tiere laufen darin umher und die ehemaligen Arbeiter stehlen Material aus dem Werk, um Streichhölzer zum Verkauf anzubieten. Überall herrschen Armut und Hunger und in den verschiedenen Komitees jagt eine Sitzung die nächste, ohne dass etwas Sinnvolles dabei herauskommt. Das Essen ist rationiert, ebenso Kleidung und Brennholz. Gleb beschließt, dieser Situation ein Ende zu machen und sich für die Wiederinbetriebnahme des Zementwerkes stark zu machen.
An Dascha ist für ihn kein Herankommen. Sie hält ihn auf Distanz, geht völlig in ihrer kommunistischen Arbeit auf und Gleb kommt nur sehr mühsam dahinter, was in den drei Jahren seiner Abwesenheit mit ihr passiert ist.
Gladkow zeichnet hier eine resignierte Stimmung. Es gibt kein Weiterkommen in der Beziehung der beiden, keine Entwicklung. Dieser Umstand spiegelt sich auch in der äußeren Umwelt wider. Die Arbeiter haben nichts zu tun, das Werk liegt still, aber niemand hat bisher etwas gegen diese Stagnation unternommen. Glebs Wut auf seine Hilflosigkeit und sein Unvermögen, die Ehe mit Dascha wieder in normale Bahnen zu bringen, entladen sich in großem Tatendrang. Kann er auch seiner und Daschas Entfremdung nicht beikommen und erreichen, dass sie ihn an sich heranlässt, so kann er doch wenigstens das Werk, das sie alle ernähren würde, wieder in Gang bringen. Gleb setzt sich über die träge Bürokratie des Wiederaufbaus hinweg und erzwingt so die Restaurierung des alten Bremsberges, der die Stadt mit Feuerholz versorgt.
Nur sehr langsam entlockt Gleb Dascha ihre Geschichte und ihre Erlebnisse der vergangenen drei Jahre. Er erfährt, dass sie vergewaltigt worden ist und sich prostituieren musste, um sich und die Tochter zu ernähren. Er erfährt, dass sie in dieser Zeit völlig auf sich allein gestellt war und sich abgehärtet hat gegen sentimentale Emotionen. Im Frauenkomitee hat sie sich zur stellvertretenden Abteilungsleiterin hochgearbeitet und ist in ihrem ganzen Auftreten hauptsächlich Kommunistin. Die Dascha, die liebende Mutter, Hausfrau und zärtliche Ehefrau war, die Gleb bittere Tränen nachweinte, als dieser vor Verrat an die Front flüchten musste, existiert scheinbar nicht mehr.
Gleb jedoch will das nicht wahrhaben, muss aber erkennen, dass Dascha und er, selbst in den Momenten, in denen sie sich nahe zu sein scheinen, nicht mehr zusammen finden können. Dascha hat sich weiterentwickelt, ist an ihren eigenen Prüfungen gewachsen und hat gelernt, dass sie durchaus ohne den Schutz ihres Ehemannes oder irgendeines anderen Mannes auskommt. Diese Größe erschreckt und verunsichert Gleb zutiefst. Ihren Mut stellt Dascha unter Beweis, als sie von einer Horde Kosaken im Wald überfallen wird und sich ohne jede Angst dem vermeintlichen Tod stellt. Der Genosse Badjin, mit dem sie zusammen unterwegs ist, als der Überfall stattfindet, befindet sich außer Reichweite, da die Pferde mit der Kutsche, aus der Dascha gesprungen ist, durchgegangen sind. Der Hauptmann der Kosaken ist beeindruckt von ihrem Mut und lässt sie laufen.
Badjin, der in Dascha verliebt ist, und Gleb sind gleichermaßen erschüttert über den Vorfall, doch Dascha lacht beide ob ihrer Sorge nur aus. Dass die Revolution auch andere bestehende Werte verschoben hat, zeigt sich an einem anderen Beispiel. Dascha erzählt Gleb, dass sie mit anderen Männern geschlafen habe, nicht aber, dass es sich dabei um Prostitution gehandelt hat. Das erzählt sie ihm erst, nachdem er ihr eine wütende Szene wegen ihrer Untreue macht. Daschas Reaktion darauf ist abwehrend und halb belustigt, denn man habe schließlich andere Probleme und Eifersucht sei absolut fehl am Platz. Auf der anderen Seite fühlt die Abteilungsleiterin des Frauenkomitees, Polja, sich sehr zu Gleb hingezogen. Dascha bemerkt es und rät Gleb noch dazu, Polja nicht zu verschmähen. Doch auch Dascha, die sich so kämpferisch und emotionslos gibt, ist nicht frei von Begierden und Gefühlen. Als sie sich dem Genossen Badjin hingibt, geschieht das aus freien Stücken und dem sehr ‚weiblich‘ anmutenden Wunsch, von einem Stärkeren beschützt und festgehalten zu werden. Dascha empfindet das Gleb gegenüber keineswegs als Betrug, da sie ihn nicht mehr liebt und die Revolution ihr Werteverständnis der Ehe völlig nebensächlich gemacht hat. Gleb indes leidet unter Eifersucht und unter Daschas Veränderung. Doch statt in Liebeskummer zu versinken, führt er die Enteignung der verbliebenen Bourgeoisie und der Intellektuellen an und beauftragt den alten deutschen Ingenieur Kleist, die Instandsetzung des Zementwerkes zu leiten. Kleist hatte sich bis dato mit seinem Diener in seiner Villa hinter spinnwebenverstaubten Fenstern verschanzt, peinlich darauf bedacht, keine Veränderungen in sein Leben zu lassen. Diese stille Stagnation und Gleichförmigkeit seiner Tage zerreißt wie die Spinnennetze an den Fenstern, die Gleb aufreißt, als die Arbeiter seine Villa stürmen. Kleist hatte Gleb vor drei Jahren an die Justiz verraten und brutal zusammenschlagen lassen, ehe dieser vor seiner Verhaftung fliehen konnte. Unter Kleists Aufsicht wird das Werk restauriert.

Vor dieser Kulisse zeigt Gladkow, der sich selbst aktiv an der Revolution beteiligt hat, auf sehr emotionale Weise die Schicksale seiner Figuren und ihren eigenen Kampf mit dem nachrevolutionären Alltag sowie ihre Wut auf die Bürokratie, die den Wiederaufbau eher erschwert als befördert. Auch zeigt Gladkow ungeschminkt die Ungerechtigkeit der Revolution und deren unschuldige Opfer. Daschas und Glebs Tochter Njurka stirbt im Kinderheim, doch auch dieser tragische Todesfall führt die Eltern nicht zusammen. Glebs Freund Sergej wird aus der Partei ausgeschlossen, weil sein Vater ein ‚Intellektueller‘ ist, obwohl Sergej maßgeblich am Wiederaufbau beteiligt war. Über diesen Umstand scheint er zu zerbrechen, da der Ausschluss seinen politischen Tod bedeutet. Dascha zieht von zu Hause aus und zu Polja, der es nach der Säuberungsaktion bei den Intellektuellen psychisch immer schlechter geht. Gleb kann sie nicht aufhalten und weiß, dass sie alle gemeinsamen Jahre und Momente nun mit sich fortnimmt. Als das Zementwerk wieder in Betrieb genommen wird, feiern die Genossen Gleb als Helden der Arbeit. Sein alter Rivale Badjin lobt ihn für seine Verdienste, doch gleichzeitig wird Gleb klar, dass er inmitten dieser jubelnden Menschenmasse ein Nichts ist und seine persönlichen Sorgen und Belange bedeutungslos geworden sind im Kampf der Arbeiterklasse – ein Staubkorn im All. Stilistisch bedient sich Gladkow in seinen Dialogen zwischen den Arbeitern einer rauen, zuweilen vulgären Sprache, die deutlich macht, dass im Vordergund ein Kampf steht, der Kampf um Arbeit. Für die emotionalen, ruhigen Momente des Werkes verwendet Gladkow starke Adjektive, wie bei seinen Landschaften oder der Beschreibung der Gefühlswelt seiner Figuren. Diese nahezu sinnliche Ausdrucksweise zeigt die Individualität der Figuren, welche sich von der Arbeitersprache deutlich abgrenzt. Sehr fein und detailliert zeichnet Gladkow die Individualität seiner Charaktere, so dass das Ende, in dem alle in einer großen Masse verschwimmen, eines deutlich macht: Die Revolution hat gesiegt, allerdings auf Kosten der Menschen, die sie erkämpft haben. Und am Ende bleibt die Frage, die sich auch Gleb stellt: War es das Opfer seiner Liebe, seines Kindes und der Gesundheit vieler seiner Genossen wert?

von Corina Brucker